Urbane Identitätsstifter oder ideologische Altlast – Der Umgang mit dem baulichen Erbe der DDR

Palast der Republik, Prager Straße in Dresden oder Brühlkaufhaus in Leipzig sind medial geeignete Beispiele, die Diskussion zum Umgang mit zentralen Bauten der Ost-Moderne öffentlich zu führen. Oft jedoch ist Abriss oder Überformung unter vorgehaltener Notwendigkeit mit meist wirtschaftlicher Argumentation entgegen Sachverstand und Mehrheitswillen rasch vollstreckt, bevor Pro und Contra objektiv gegeneinander aufgewogen werden. Von Sören Hauck   In Leipzig beherrscht gerade der „Umbau“ des ehemaligen Brühl Kaufhauses, seinerzeit das größte in der DDR, Medien und Gemüter. Um der Errichtung eines unnützen, weil überflüssigen Konsumgiganten (Stadt)Raum zu geben, wird einmal mehr und dazu maßlos das gewohnte Stadtbild strapaziert. „Geopfert“ wurden dafür trotz Protest und Umnutzungsvorschlägen bereits drei 1966 – 1968 errichtete Wohnhochhäuser, die damals der (westlichen) Tendenz unbewohnter Stadtzentren entgegenzuwirken halfen. Zuletzt hatten sie ein eher trauriges Bild jener Idee belebter Innenstädte abgegeben. Einst leuchtete, wie ein Fanal zum Aufbruch in eine neue, hoffnungsvolle Ära, von einer der Wohnscheiben Goethes Ausspruch „Mein Leipzig lob ich mir“ dem vom Hauptbahnhof kommenden Besucher entgegen.

Das wegen seiner Aluminiumverkleidung weithin als Blechbüchse bekannte Kaufhaus, dessen kristalline, aus zueinander verdrehten Dreikantformen gebildeten Strukturflächen die Öffnung des Landes hin zu einer internationalen Moderne signalisierten, ist nun auch Geschichte. Auch wenn die Aluminiumfassade des Leipziger Bildhauers Harry Müller zum Teil wieder in die neue Fassade eingebunden werden soll, bleibt der einstige schwungvolle Charakter, Symbol einer aus der Messe-Tradition resultierenden Weltoffenheit, für immer verloren.

Besondere Brisanz erhält jener Fall, da die unter Denkmalschutz stehende Hülle einem älteren, im Krieg teilzerstörten Kaufhausgebäude des für die Stadt bedeutenden Architekten Emil Franz Hänsel vorgehängt war – und dieses nun ebenfalls seine Erhaltung einfordert. Über die unterschiedlichen Interessen, Kriterien und Befindlichkeiten einen Kompromiss zu finden, wird schwierig. Sicher ist, dass kein noch so großmütiges Entgegenkommen der Investoren – die Erfahrung lehrt uns das – den Verlust einerseits von Historie als auch Identität ersetzen kann.

20 Jahre nach dem Mauerfall überwiegen zweifelsohne die positiven physischen Veränderungen. Infrastruktur, Telekommunikation, Umwelt; das „was wäre wenn“ möchte man sich nicht vorstellen. Urbane Lebensbereiche, die Zentren der Städte, Plätze, Parks, kulturelle Orte, Wohn- und Gesellschaftshäuser, Bildungseinrichtungen usw. haben immens an Attraktivität und Qualität gewonnen. Auch gibt es zahlreiche positive Beispiele städtebaulicher Vorhaben, denen ein behutsamer Umgang mit gewachsenen Strukturen und topografischen Eigenheiten zu Grunde gelegt wurde.

Dem gegenüber ist vielerorts der Charme des Stillstandes verloren gegangen. In Zeiten von Stagnation und Ungewissheit verstärkt sich die Sehnsucht nach den „guten alten Zeiten“. Der Sehnsuchtgedanke ist ein kollektiver und äußert sich in der Suche nach der eigenen Identität. Da die Umgebung eine Möglichkeit bietet, diese greifbar zu machen, sollten Stadtplanern und Architekten Entscheidungen bezüglich des Umgangs mit Identität stiftender Substanz nicht allein überlassen werden.

Als Fehlentwicklung bezeichnet der Direktor der Dessauer Bauhausstiftung Philipp Oswalt die anhaltenden Bemühungen, „das DDR-Unrechtsregime auch physisch auszulöschen“, indem man dessen architektonischen Nachlass systematisch zerstört. Es geht dabei nicht nur um Erinnerungs- und Kulturpflege. Das Begehren der Menschen gegen den Raubbau an ihrer Identität berührt existenzielle Fragen.

In Erfurt haben gegenwärtig verschiedene Interessengruppen und Bürger gegen den drohenden Abriss des Rundpavillons auf dem ega-Gelände zusammengefunden. Der Konstruktion und baulichen Gestalt nach einzigartig, wird der 1974 von Architekt Klaus Thiele als Ausstellungsraum konzipierte, expressionistisch anmutende Polygonalbau im Architekturführer als markantestes Bauwerk der DDR-Moderne in Thüringen vorgestellt.

Die Mensa am UNESCO-Weltkulturerbe IlmparkÄhnliches Aufbegehren stoppte kürzlich in Weimar den Abriss eines denkmalwürdigen Gebäudes der jüngeren DDR-Bau-Epoche. Die Mensa am UNESCO-Weltkulturerbe Ilmpark, 1982 vom Planungskollektiv um Anita Bach errichtet, sollte laut Beschluss der Bauhaus-Universität Weimar einem für diesen Ort geplanten Museumsneubau weichen. Dank einer rasch gebildeten Bürgerinitiative, überregionaler Unterstützung seitens der Föderation deutscher Architektursammlungen sowie dem Engagement des Oberbürgermeisters und des Thüringischen Kultusministeriums hat die Hochschulleitung inzwischen Abstand von ihren Plänen genommen.

Weitere Beispiele ließen sich aufzählen. Und jedes zeigt im Einzelnen, welch hohen Stellenwert die „Altlasten des Sozialismus“ doch im Volk besitzen, und wie es um das kollektive Bewusstsein über denkmalpflegerische Wertmaßstäbe hinaus steht, wenn es darum geht, diese zu schützen.

Anders als Dresden oder Leipzig, wo trotz Fortzug vor allem junger Menschen nach der Wende bald eine Aufbruchstimmung einsetzte und hoch motiviert, aber auch klar kalkuliert, nicht selten unter Missachtung rhythmischer Gliederungsmerkmale und Traufhöhen des benachbarten Bestandes sowie gestalterischer Traditionslinien mit dem Schließen kriegsbedingter Baulücken begonnen wurde, haben andere ostdeutsche Städte mit zum Teil gravierendem Leerstand zu kämpfen.

In Regionen mit ehemals wirtschaftlicher Ausrichtung, so genannten Ballungszentren, war bald von shrinking cities die Rede. Städte wie Neubrandenburg, Eisenhüttenstadt, Magdeburg, Halle an der Saale, Wolfen, Weißenfels, Suhl oder Chemnitz erlebten nach Schließungen und Abwanderung depressive Zustände, von denen auch zahlreiche Wohn- und Gesellschaftsbauten wie Kulturhäuser, Kinos, Theater und Schwimmhallen künden.

Mit der 2003 begründeten Internationalen Bauausstellung IBA versucht die Landesregierung Sachsen Anhalts in 19 Städten einen infrastrukturellen und städtebaulichen Erneuerungsprozess in Gang zu setzen, um in sozialen, kulturellen und ökologischen Bereichen neue Perspektiven zu schaffen und so der hohen Arbeitslosigkeit, Suburbanisierung und dem Wegzug entgegenzuwirken. Hierbei wird unter fach- und sachkundiger Leitung auch der Umgang mit dem baulichen Erbe beraten. In Halle richtet sich der Focus dabei unter anderem auf den Verkehrsknoten Riebeckplatz mit seinen beiden 22-geschossigen Punkthochhäusern sowie auf die ebenfalls an Leerstand leidende Neustadt.

Da es, wie Prof. Dr. Thomas Topfstedt auf einer Tagung der Koldewey-Gesellschaft 2004 in Dresden bilanzierte, für die Erforschung und Pflege des eigenen baulichen Erbes im Vergleich zur Bundesrepublik Deutschland in der DDR nur begrenzt Interesse und Mittel gab, zählen denkmalpflegerische Sanierungsprogramme wie in Magdeburg zu den wenigen Ausnahmen. Wie die in den 1980er Jahren restaurierten sachlich-neoklassizistischen Mietshäuser im Dessauer Stadtzentrum beschränkten sich entsprechende Maßnahmen lediglich auf die Bauten der ersten Aufbaujahre nach dem Krieg. Und auch nach der Wiedervereinigung galten zunächst nur die städtebaulichen Ensembles der 1950er Jahre als denkmal- und folglich sanierungswürdig.

Zwar ist seit den 1990er Jahren ein wachsendes Interesse an DDR-Architektur zu verzeichnen; und längst wurde der zuweilen hohe Stellenwert herausragender Bauwerke bis hin zu industriell gefertigten Plattenbauten auch im internationalen Vergleich erkannt. Als abgeschlossene Bauepoche ist die DDR-Moderne „vom Palast bis zur Platte“ Teil der jüngeren Baugeschichte Deutschlands und somit allemal schützenswert. Allein die Aufnahme in die Denkmallisten schützt allerdings nicht vor dem Exitus.

Die modernen baulichen Leistungen besonders der 1960er und 1970er Jahre, in denen die DDR nicht nur baukünstlerisch international aufschließen konnte, erhielten zwar Denkmalsstatus, blieben jedoch vom Segen der Förderprogramme ausgenommen. So verschwanden bis heute einige Hauptwerke der DDR-Architektur, einstige Prestigebauten des Sozialismus wie das Restaurant Ahornblatt von Ulrich Müther im Berliner Wohngebiet Fischerinsel, das sogar auf einer Briefmarke abgebildet war.

rg_Hyparschale+Juni+2006Andere, wie die wegen ihrer riesigen muschelförmigen Dachkonstruktion als Hyparschale bezeichnete einstige Veranstaltungshalle am Magdeburger Stadtpark Rotehorn, 1969 vom selben Architekten erbaut, fristen ein trauriges Dasein. Seit 1991 ungenutzt und stark sanierungsbedürftig, steht das Denkmal mit dem Nutzungskonzept eines Investors – oder es fällt.

Dort, wo finanzstarke Investoren den Kommunen mit Aussicht auf Steuereinnahmen aufwarten, erhalten deren Interessen oberste Priorität. Der Abriss des als Silberwürfel bekannten Centrum Warenhauses in Dresdens Prager Straße als jüngster Fall im andauernden Prozess der Umgestaltung eines der anerkannt besten städtebaulichen Anlagen der Nachkriegsmoderne wiegt umso schwerer, wenn man das Resultat betrachtet. Gegen die Seelenlosigkeit des hypertrophen Neubaus kann die Einbeziehung von nachgebildeten Mustern der ehemaligen Wabenfassade lediglich Erinnerungsarbeit leisten. Die Grundidee jenes Stadtraums war indes durch willkürliche Überformung bereits zerstört.

Wie bereits erwähnt, liegt der schonungslose Umgang mit markanten Solitärbauten der Ost-Moderne häufig auch historisch, namentlich im symbolischen Gehalt derselben begründet. Diesbezüglich war und ist Ost-Berlin, das einstige Herrschaftszentrum der DDR, ein Sonderfall. Hier insbesondere ist nach Mauerfall und Wiedervereinigung systematisch und mit allen Mitteln der politischen Macht eine Schleifung im mittelalterlichen Sinne vollzogen worden, der als prominentestes und historisch bedeutendstes Beispiel der Palast der Republik zum Opfer fiel. Rückbau und Entsorgung haben hier mehr als 100 Millionen Euro an Steuergeldern verschlungen.

Es ist bemerkenswert, von welcher Aktualität Zitate sein können, die Generationen zurück verfasst wurden. Ein solches Zitat, das die kontinuierlichen Fehlungen bei der Neu- bzw. Umgestaltung urbaner Lebensbereiche in den Neuen Ländern nicht treffender skizziert, stammt von Bauhausgründer Walter Gropius:

“Die Krankheit unserer heutigen Städte und Siedlungen ist das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen.”

Ferner ist festzustellen, dass die Vorfahren es trotz ihres hinterlassenen Erfahrungsschatzes nicht vermochten, die Nachfolgenden vor den Fehlern zu bewahren, für die sie bereits Lösungen gefunden hatten. So scheiterte schließlich auch Gropius’ letztes Projekt, die nach ihm benannte Großwohnsiedlung in Berlin Neukölln, vor allem an der Negierung seiner auf städtebaulicher Erfahrung ruhenden Paradigmen.

Es liegt wohl in der Natur des Menschen – die Gegenwart bestätigt das – Einsicht erst aus den eigenen Fehlern zu gewinnen.

Sören Hauck


Kommentar verfassen

* erforderlich (Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Kopieren Sie bitte das Passwort ...

... in dieses Feld.*