Der Deutsche Werkbund in Europa

Viel Arbeit ohne rechte Wirkung

Die nachfolgenden Überlegungen sind erweiterte Notizen zu einer Gesprächsrunde im Büro des Berliner Werkbundes Anfang 2007. Wir waren sechs Leute, die sich zum Jubiläumsjahr Gedanken über Perspektiven des Werkbundes machten.

Auslöser und Gegenstand des Gesprächs war  ein Leistungsbericht des Berliner Werkbundes über die Jahre seit 1990, der eine unglaubliche Fülle von Themen, Veranstaltungen, Initiativen und Kooperationspartnern ausbreitete. Wir fragten uns, warum eine so respektable Arbeit so geringe öffentliche Wirkung entfaltet, was davon eigentlich bleibt, was am wichtigsten gewesen war und nach welchen Maßstäben Gelungenes von Misslungenem eigentlich unterschieden werden sollte. Welche öffentliche Wirkung diese intensive und aufwendige Arbeit des Berliner Landesbundes haben könnte und müsste, wenn nur ……
Anders gesagt, es ging darum, wie die sich abzeichnenden soliden Rückblicke auf 100 Jahre Vergangenheit um ein Pensum angereichert werden könnten, das sich der Gegenwart und Zukunft, also dem kulturellen Aufbruch, nicht der Rückschau zuwendete. Es ging also um die Frage, was denn die strategischen Themen und Methoden des Berliner Werkbundes sein müssen und welche Strategie verfolgt werden muss, um der erbrachten Leistung zur Wirkung zu verhelfen. So wie vor hundert Jahren.

Was bewirkt der Werkbund heute noch?
Gemeinsam fiel uns auf, dass die Folgen der großen europäischen Wende von 1989, die zugleich eingebettet sind in globale Umwälzungen aller Verhältnisse in der Folge des Zusammenbruchs des sowjetischen Imperiums; dass überhaupt die letzten achtzehn Jahre und ihre Folgen – immerhin fast eine Generation – in den Jubiläumsbemühungen des Werkbundes keine wahrnehmbare Rolle spielten.
Heute nimmt der Werkbund auf die Kräfte, die die Kultur unserer Zeit bewegen und die Zukunft bestimmen, keinen Einfluss. Welche Kräfte das sind, umreiße ich mit ein paar Namen und Begriffen: Microsoft, Internet, Klimawandel, europäische Integration, Globalisierung, Migration, Bildung.
Da und dort kommen solche Themen im Werkbund schon vor, und auch in dem Leistungsbericht des Berliner Werkbundes schimmerten sie durch. Doch zweierlei ist auffällig an diesem Bericht, erstens eine gewisse Zufälligkeit der
Themenwahl und zweitens, und das vor allem, das Verharren im Kommentar, das heißt die begrenzte Wirkung, wenn nicht Folgenlosigkeit der Arbeit an solchen Themen. Sie bleibt „akademisch“. Umgekehrt sind die Akteure, die Exponenten dieser bewegenden Kräfte, nicht Mitglieder im Werkbund. Bis vor zwei, drei Generationen waren sie es.
Die Gründer des Werkbundes haben nicht nur kommentiert, sie haben sich zusammengetan, um die Welt zu verändern, und das haben sie getan. Sie haben Einfluss genommen – wirtschaftlich, gesellschaftlich, gestalterisch.
Der beträchtliche öffentliche Einfluss, den der Werkbund bis vor vierzig, fünfzig Jahren hatte, beruhte mit Sicherheit auf der Formel, die seine Arbeit von Anfang an angetrieben und sich als „Jahrhundertformel“ erwiesen hat, nämlich die nicht nur theoretische, sondern auch praktische Verknüpfung gestalterischer mit sozialen und wirtschaftlichen Fragen. Die Verknüpfung von Kunst und Handwerk, Handel und Industrie. Das war der entscheidende Schritt über die von Arts and Crafts übernommenen Reformideen hinaus; ein Schritt, der Deutschland kulturelle und wirtschaftliche Wettbewerbsvorteile verschaffte, und zugleich ein deutscher Beitrag zu der von Europa aus eingeleiteten Globalisierung der Wirtschaft. Es gibt keinen Zweifel: Der Werkbund war von Beginn an eine Globalisierungsagentur. Diese Kompetenz und dieses Erbe müsste er gerade heute, wo er eher globalisierungskritisch gestimmt zu sein scheint, in die Auseinandersetzung einbringen können.

Das Erbe selbstverordneter Einflusslosigkeit
Die Einflusslosigkeit des Werkbundes seit den Sechziger Jahren ist eine selbstverordnete. Damals hielt man sich viel zugute auf möglichst große Staats- und Wirtschaftsferne. Verständlich aus der damaligen Zeit heraus, aber eben mit der unvermeidlichen Folge, dass damit öffentlicher Einfluss und Einfluss auf den Gang der Dinge aufgegeben wurde. Was blieb, waren der kritische Kommentar und die Protestaktion. Beide Aktionsformen sind jedoch Bestandteile des Status Quo, nicht Träger von Veränderungen.
Der Werkbund ist gewissermaßen aus der Wirtschaft und der Politik ausgewandert.
Kern dieser Entwicklung ist, dass die Jahrhundertformel der dreidimensionalen Verbindung des Gestalterischen mit dem Ökonomischen und dem Sozialen aufgegeben wurde. Plastischer Ausdruck dafür ist ein Slogan von damals: „Opas Werkbund ist tot – was nützt das schöne Glas, wenn das Wasser, das ich daraus trinke, vergiftet ist.“ Das war der Protest gegen die vorangegangene Reduzierung der Dreidimensionalität aus Gestaltung, Gesellschaft und Wirtschaft auf die beiden Dimensionen Produktion und Gestaltung, unter Auslassung der gesellschaftlichen Dimension. Als Alternative wurde allerdings nur wieder eine andere Zweidimensionalität propagiert, die aus Wirtschaft und Gesellschaft unter Ausblendung der Gestaltung.
Das Ergebnis war ein Kompetenzverlust des Werkbundes auf dem Feld seiner einstigen Kernkompetenz, und für alle Kombinationen von jeweils zwei dieser drei Dimensionen Gestaltung, Wirtschaft und Gesellschaft braucht es keinen Werkbund mehr. Da gibt es andere, die diese Zweierkombinationen bestens beherrschen.
Die Antwort auf die Frage nach den Gründen ist vermutlich, dass eine vierte Dimension niemals ernsthaft und methodisch bearbeitet wurde, obwohl sie für die praktische öffentliche Wirksamkeit des Werkbundes von Anfang an eine entscheidende Rolle gespielt hat und sich quer durch das Gesellschaftliche, das Gestalterische und das Ökonomische zieht: das Politische. Am Anfang lief das sozusagen selbstverständlich mit, und nach der Neugründung nach dem Krieg war es ebenfalls immer präsent, bis hin zur Einflussnahme des Nachkriegs-Werkbundes auf die Gesetzgebung des Bundestages.

Was es vor hundert Jahren nicht gegeben hat
Zur Auffrischung des Gedächtnisses und zur Neubewertung der Jahrhundertformel des Werkbundes im heutigen Kontext will ich an dieser Stelle mit ein paar Stichworten beleuchten, was sich in diesen hundert Jahren geändert hat.
- Wir leben nicht mehr in einem Ständestaat.
- Die europäischen Monarchien sind entweder verschwunden oder demokratisch-parlamentarisch umgeformt.
- Europa hat weltweit eine Alleinstellung errungen im gewaltlosen Beseitigen politischer Zwangsregime, nicht nur im ehemaligen Sowjetreich, sondern auch – davor – in Spanien und Portugal.
- Es gibt das Frauenwahlrecht.
- Es gibt mehr Angestellte als Arbeiter.
- Die Wirtschaftsfaktoren Arbeit, Kapital und Energie haben qualitativ wie quantitativ andere Funktionen übernommen und sind andere Wechselwirkungen eingegangen.
- Es gibt das Fernsehen.
- Es gibt das Flugzeug.
- Es gibt den Computer.
- Es gibt Mobiltelefone.
- Deutschland ist das größte Land in einer Europäischen Union von 27 Staaten mit 450 Millionen Einwohnern.
- Die Bevölkerungspyramide Europas hat sich umgedreht.
- Das britische Weltreich und das französische Kolonialreich gibt es nicht mehr; die USA sind die größte Weltmacht.
- Die interkontinentale Migration nimmt ungekannte Ausmaße an, wenn auch nicht ungeahnte.
- Im globalen Vergleich verwenden die Gesellschaften Europas, nicht nur in Deutschland, seit dem Zweiten Weltkrieg mehr Energie, Zeit und Mittel auf die Wiedergutmachung von Schäden, auf die Rückgewinnung von Verlorenem als auf die Durchsetzung neuer Entwicklungen.
Kurz, wir leben in einer Zivilisation, deren Grundlagen es vor hundert Jahren noch nicht gegeben hat.

Kulturelle Faktoren entscheiden über Erfolg – „Qualität“, das Paradigma des Werkbundes
Manches ist ähnlich wie vor hundert Jahren:
Deutschland, die größte Exportwirtschaft der Welt, treibt die Globalisierung voran. Auf diesem Gebiet der gegenwärtigen Entwicklung müsste der Deutsche Werkbund eigentlich in seinem Element sein, denn in der globalisierten Wirtschaft besteht Deutschland und besteht Europa insgesamt durch Qualität, oder mit anderen Worten, durch die im weitesten Sinn kulturelle Fundierung seines Angebots.
- Mehr und mehr gewinnen kulturelle Faktoren bestimmenden Einfluss auf die Entwicklung und den Erfolg von Gesellschaften und ihre Zukunftsfähigkeit.
- Markenschutz und Urheberrechte, an deren Einführung der Werkbund maßgeblich beteiligt war, wie Frederick Schwartz in seiner Schrift über den Werkbund zeigt, haben für die Funktionsfähigkeit einer globalisierten Wirtschaft zentrale Bedeutung.
- Die Formel, mit der Richard Florida die entscheidenden Faktoren für die Entwicklung erfolgreicher Regionen beschreibt, ist nicht so weit von der Formel des Werkbundes entfernt. Bei Florida sind es die drei T – Technology, Talent, Tolerance, also technische Innovationsfähigkeit, Gestaltungskraft und eine offene Gesellschaft.
- Jeremy Rifkin hat uns schon in seinem Buch „Access“ aus dem Jahr 2000 bestätigt, Kultur werde der bestimmende Sektor der Wirtschaft der Zukunft sein. Und zwar werden nicht mehr nur diejenigen, die über die Kommunikations- und Distributionskanäle verfügen, das große Geld machen, sagt Rifkin, sondern diejenigen, die den Content schaffen.
Der Schwerpunkt der Wertschöpfung verschiebt sich also immer mehr von der Phase der Produktion in die davor liegende Phase der Entwicklung, des Entwurfs, des Design.

Der Werkbund ist kein Kunstverein – das Ethos der Nützlichkeit
Bei der Diskussion über Kultur als Faktor gesellschaftlicher, ökonomischer und politischer Entwicklung macht sich im Werkbund schnell Unruhe breit. Es ist eine Unruhe, die Symptom eines Grundkonflikts im Konzept des
Werkbundes selbst ist und unter anderem 1914 in dem berühmten Streit zwischen Muthesius und van de Velde zum Ausdruck kam. Vergröbert gesagt ist es der Konflikt zwischen gestalterischen Standards (oder gar Normen) und dem Anspruch auf individuellen künstlerischen Ausdruck, der „Autonomie“ der Kunst. Es gab Stimmen, die gesagt haben, die Zwangsauflösung des Werkbundes 1934 sei der Selbstauflösung nur zuvorgekommen, die aufgrund dieses ungelösten Widerspruchs unabwendbar gewesen wäre. Auf das Bauhaus angewendet drückt Giulio Carlo Argan es so aus: „Nicht Hitler war der Erzfeind, sondern Picasso“, nämlich das auf dem alle Normen sprengenden künstlerischen Akt beharrende Künstler-Individuum.
Eine Ikone der autonomen Kunst, die diesen Regel sprengenden Anspruch verkörpert wie kein anderes Werk der künstlerischen Moderne, entstand genau im Gründungsjahr des Werkbundes 1907: Picassos „Demoiselles d’Avignon“. Es entstand ein eigenständiger Kunst-Diskurs, der sich vom Kultur-Diskurs, bei dem es um allgemeinverbindliche Regeln geht, zu unterscheiden begann.
Die normative Ästhetik, auf die der historische Werkbund, zu Recht oder zu Unrecht, festgelegt wird, ist inzwischen selbst in die Jahre gekommen. Nach wie vor aber verdirbt sozusagen der Kunst-Diskurs den Kultur-Diskurs, indem der Autonomie-Anspruch des engen, seinen besonderen Regeln gehorchenden Kultursektors Kunst auf die Kultur insgesamt übertragen und gegen „Instrumentalisierung“ durch Kommerz und Politik verteidigt wird. Das hat wenig Sinn und ist naiv, bedenkt man die Kehrseite der garantierten Autonomie des Künstlers wie des nur sich selbst verpflichteten Kunstbetrachters, nämlich die völlige Freiwilligkeit der Beteiligung an dieser Interaktion.
Was wir dagegen „Kultur“ nennen ist ein weites Feld von Systemen, die das Leben bestimmen und von denen wir darum eben nicht beliebig absehen können – von der Sprache und anderen Medien öffentlicher Kommunikation bis hin zum öffentlichen Raum der Städte, von den Rechtsnormen über Wissenschaft und Technik bis zum Verhältnis der Geschlechter und vieles andere mehr. All das ist notwendigerweise aufs engste verknüpft mit Politik und Ökonomie.
Wenn der Werkbund angetreten ist, die Kraft der Kultur in Wirtschaft und Gesellschaft zur Wirkung zu bringen, darf er sich nicht dadurch selbst fesseln, dass er sich wie ein Kunstverein verhält und den „Nutzen“ kultureller Werte ausblendet. Es waren die „nützlichen Künste“ (so der Titel der Ausstellung von Tilmann Buddensieg und Henning Rogge zum 125-jährigen Jubiläum des Vereins Deutscher Ingenieure 1981), deren Ethos auch der Werkbund entwickelt hat und die ihn groß gemacht haben. Welche Wechselwirkungen die freien und die nützlichen Künste miteinander unterhalten ist wieder ein Thema für sich und betrifft die Quellen gesellschaftlicher Innovation insgesamt. Wird aber das Ethos der Nützlichkeit, das dem Einfluss der Kultur auf Wirtschaft und Gesellschaft zugrunde liegt, auf dem Altar der autonomen Kunst geopfert, dann führt auch dies in die Sackgasse der Einflusslosigkeit.
Julius Posener wehrte sich vehement gegen die „Verkunstung“ des Werkbundes, und damit hatte er Recht.

Die kulturelle Dimension Europas
Vor drei Jahren hat zur Eröffnung der Berliner Konferenz „Europa eine Seele geben“ der Präsident der Europäischen Kommission Barroso, damals erst ein paar Tage im Amt, den erstaunlichen, programmatischen Satz gesagt: „Die Europäische Union hat ein Stadium ihrer Entwicklung erreicht, in dem ihre kulturelle Dimension nicht länger ignoriert werden kann“. Sollte die kulturelle Dimension der Europäischen Einigung also zum Thema der offiziellen Kommissionspolitik werden? Das war überraschend. Was der Kommissionspräsident da sagte, hatte man von einem Mitglied einer nationalen Regierung noch nicht gehört.
Wer erinnert sich noch daran, dass der Schweizer Denis de Rougemont im Mai 1948 auf der Europakonferenz in Den Haag ein Konzept für ein Europa der Kultur und der Regionen vorgetragen hatte. Die Prioritäten der europäischen Einigung wurden dann anders gesetzt, wie wir wissen, doch jetzt, 60 Jahre später, bringt Barrosos Vorstoß das Thema wieder hoch.
In den Jahren seit seinem Ausspruch in Berlin konnte man sich fragen, was das wohl heißen sollte, und ob es um mehr gehen könnte als um eine weitere Sonntagsrede eines prominenten Europapolitikers.

Die „Europäische Kulturagenda im Zeichen der Globalisierung“
Dieses Jahr im Mai allerdings erließ die Europäische Kommission eine sogenannte „Mitteilung über eine europäische Kulturagenda im Zeichen der Globalisierung“. Ein Strategiepapier, an dessen Formulierung neben der federführenden Generaldirektion für Kultur ein Dutzend andere Ressorts der Europäischen Kommission mitgearbeitet haben, von Außenbeziehungen über Regionalpolitik bis zu Entwicklungshilfe und Soziales. Es ist auch nicht ohne den Einfluss zivilgesellschaftlicher Impulse, wie z.B. der Berliner Konferenz „Europa eine Seele geben“ zustande gekommen.
Das Neue an diesem Text ist, dass Kultur nicht mehr nur als Thema des Kulturressorts, sondern als ein Querschnittsthema vieler Sektoren behandelt wird. Die Mitteilung weist, wie der Kommissionspräsident es ausdrückt, der Kultur einen Platz „im Herzen unserer Fachpolitiken“ zu. Das Erstaunlichste allerdings ist, dass auch der Europäische Rat – die maßgebliche Institution der Regierungen der Mitgliedsstaaten, die der Kommission Inhalte und das Budget vorgibt – die Agenda am 16. November gebilligt hat. Erstaunlich deshalb, weil die Mitgliedsstaaten, am heftigsten Deutschland, eifersüchtig darüber wachen, dass die Europäische Kommission keine unzulässigen
kulturpolitischen Kompetenzen entwickelt. Wie im deutschen Föderalismus gilt ja auch in der EU der Satz: Kultur ist Ländersache.
Die Kulturagenda befasst sich zwar über weite Strecken damit, in welchem Umfang die verschiedenen Ressorts der Kommission Kultur fördern. Das ist aber nur der übliche Blick auf Kultur, nicht das Entscheidende. Der eigentliche kulturpolitische Paradigmenwechsel, der Durchbruch, liegt darin, dass das Papier Kultur zum Kernbestand europäischer Politik überhaupt erhebt. Am Beispiel der Außenpolitik geht es nicht mehr nur um kulturelle Aktivitäten als Begleiterscheinung europäischer Außenbeziehungen, sondern um die kulturelle Dimension dieser Außenpolitik selbst. Das heißt, Kultur ist kein Gegenstand mehr von Kulturleuten allein; sie wird nicht mehr nur im Selbstgespräch der kleinen Minderheit Interessierter umgewälzt, sondern es geht um den Einfluss der Kultur auf die Entwicklung Europas im Inneren und Äußeren, um einen Diskurs, zu dessen Akteuren und Adressaten auch die Außenpolitiker, Sozialpolitiker, Regionalpolitiker, Sicherheitspolitiker und Wirtschaftspolitiker gehören. Also die, die in sehr viel tiefer gehender Weise über die Geschicke Europas entscheiden als die einflussloseren Kulturpolitiker.
Es sieht so aus, als könnte mit dem Thema Kultur geschehen, was in den vergangenen dreißig Jahren mit dem Thema Umwelt vor sich gegangen ist: Anfangs war auch das Sache einer Minderheit von Bürgerinitiativen, Spezialisten und Fachausschüssen, doch heute steht es weltweit ganz oben auf der allgemeinen öffentlichen und politischen Tagesordnung. Nicht mehr nur bei den Umweltministern, sondern bei den Regierungs- und Staatschefs. Vielleicht sind wir heute In Sachen Kultur dort, wo das Thema Umwelt 1975 gestanden hat.


Neue Formen der Kooperation zwischen Zivilgesellschaft und Politik

Mit der strategischen Erklärung der Kommission ist das Pensum umrissen, aber seine Umsetzung noch nicht begonnen. Die Umsetzung ist allerdings nicht nur eine Frage des Inhalts, sondern auch der Entwicklung neuer Methoden. Neue Formen der vernetzten Kooperation zwischen Geist und Macht sind erforderlich und entwickeln sich unter dem Stichwort „Zivilgesellschaft“. Daran könnte der Werkbund sich beteiligen. Anknüpfungspunkte bietet z.B. die „kooperative Planungspraxis“ (Helga Fassbinder) der ersten Phase des Stadtforums 1991-95. Die hat der Werkbund zwar mitgemacht, ihr Prinzip aber nicht übernommen oder gar weiterentwickelt. Damals war er noch befangen in der älteren Logik von Partizipationsideen, und ich glaube, er ist es noch heute.
Diese Logik bestand und besteht im Wesentlichen darin, dass Ideen und Forderungen möglichst ohne Kontakt zur Politik formuliert und dann den Politikern auf den Tisch gelegt werden, die für die Umsetzung (und Finanzierung) zuständig gemacht werden (und sich gern zuständig machen lassen). Die Rollenverteilung von Geben und Nehmen war klar getrennt. Die neuen Interaktionsformen dagegen, die sich zwischen Zivilgesellschaft und Politik anbahnen, schließen eine Umsetzungsverantwortung der Zivilgesellschaft mit ein. Sie ist nicht mehr nur zuständig für gute Ideen und Forderungen, sondern auch für Wege zu ihrer Verwirklichung. So wie der Werkbund vor hundert Jahren.
Der Kontakt zur Politik sollte dabei verstärkt die Legislative, die Volksvertreter auf allen Ebenen einbeziehen, von der lokalen und regionalen bis zur europäischen. Die Phase der Partizipationsforderungen war überwiegend auf die Exekutive fixiert, auf Bürgermeister und Ministerien. Der Deutsche Werkbund sollte den Bundestag als Partner entdecken, quer durch alle Ressorts. Und das Europäische Parlament, ebenfalls quer durch alle Ressorts und über nationale Grenzen hinweg.
Da der Werkbund kein sektoral ausgerichteter Berufsverband ist, wäre er auch gut dafür geeignet, ja prädestiniert, auf der zivilgesellschaftlichen Ebene einen sektorenübergreifenden Kulturbegriff einzuüben, entsprechend dem, der sich auf der Ebene der politischen Institutionen abzuzeichnen beginnt.

Kein europäischer Werkbund, aber Arbeit mit europäischem Mehrwert
Was folgt daraus? Muss man einen Europäischen Werkbund gründen, mit Büros in Brüssel, Luxemburg und Straßburg? Keineswegs, und das würde auch nichts helfen. Worauf es wirklich ankommt, ist, dass der Werkbund sich in seinen lokalen und regionalen Aktivitäten europäisch verhält und es versteht, aus seinen lokalen und regionalen Themen einen nachhaltigen europäischen Mehrwert herauszuholen. So wie vor hundert Jahren.
Dass Kultur Ländersache ist, hat seinen Sinn ja darin, dass Kultur an der örtlichen Basis entsteht und lebt, in den Städten und Regionen, weit weg von Brüssel, aber unmittelbar an Europa. Die regionale Struktur des Werkbundes wäre also ganz zeitgemäß. Es wäre aber gut, wenn der Verein sich gelegentlich genauer darüber Rechenschaft gäbe, in welcher Zeit wir leben. So wie vor hundert Jahren.

Bernhard Schneider, Berlin
(Erweiterte Fassung eines Vortrags auf der Mitgliederversammlung des Deutschen Werkbundes Berlin am 10. Dezember 2007)

Download hier: Der Deutsche Werkbund in Europa

05.08.2010 von: dwbadmin
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Kommentare

  • Werkbundmerkmale waren das systemische Denken in Wirkungsgefügen von Wirtschaft, Gesellschaft und Gestaltung der Lebensform mit dem Anspruch Lebensreform. Die Qualität der Formgebung stand als Lesezeichen für ein gutes Leben wie als „Trademark“ für den Wettbewerb.
    OFFENE FRAGEN:
    - Der „Ethos des Nützlichen“ in einer pluralistischen Gesellschaft ohne gemeinsames Grundprinzip ?
    - „neue Kooperationen mit der Politik“ in unsicheren Zeiten ?
    - universale Ansprüche an Lebensreform, Öko-Logik und Formgebungsqualität ?
    Der wachsende Interessengegensatz von Finanzkapital und Realkapital und die Schwäche der Politik stehen einer zeitgemäßen gesellschaftspolitischen Debatte über nachhaltige Lebensformen, Formgebung und „Toleranz aus Respekt“ (Nida Rümelin) entgegen?
    M ö g l i c h e n e u e A u f g a b e n p r o f i l e d e s D W B :
    POLITIKFELD BAUKULTUR – Die staatliche Qualitätsoffensive – Errichtung einer öffentlich-rechtlichen Bundesstiftung Baukultur 2007- zusammen mit neuen Impulsen in der Raumordnung zur Erhaltung und Entwicklung regionaler Kulturlandschaften (neuer dritter Leitsatz der Bundesraumordnung 2006) hat den DWB noch nicht „mitgerissen“ – warum?- thematisieren beide Politikfelder doch traditionsreiche Werkbundanliegen?
    STADT-UND LANDSCHAFTSUMBAU – INTERNATIONALE BAUAUSTELLUNGEN Die Schlusspräsentation von zwei Internationale Bauausstellungen: IBA Fürst- Pückler-Land (2010) zum Landschaftsumbau in der Lausitz; IBA Sachsen Anhalt Stadtumbau, (2010) und die Zwischenpräsentation der IBA Hamburg-Wilhelmsburg 2010 veranschaulichen drei komplexe Strategieansätze zur „Innovation in nicht innovativen Milieus“ (Walter Siebel). Drei Projekte, in der Werkbundtradition?
    TRANSDISZIPLINÄRE FORSCHUNG – PRODUKTENTWICKLUNG – In der globalisierten Wissensgesellschaft wetteifern die Universitäten zurzeit mit transdisziplinären Forschungskomplexen um Exzellenzcluster-Anerkennung. In diese Projekte sind vielfach auch Architekten und Stadtplaner, Künstler und Designer eingebunden. (Frei Otto hat das im Atelier Warmbronn bei Stuttgart bereits Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts praktiziert). Kreative Grenzüberschreitung, aber „schön und nützlich“?
    WEST ÖSTLICHE BLICKWINKEL (Hans Belting 2008) – Die DFG fördert den weltoffenen Austausch der Kulturen durch mehrjährige Studienprojekte und Graduiertenförderung in Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung in islamischen Ländern und ermöglicht Perspektivenwechsel bei west-östlichen Formgebungs-Debatten. Der West-Östliche Blick als Schule für „Toleranz und Respekt“?
    „Ein Gebrauchsfähiges Nützliches Zweckmäßiges schön zu machen“ (Karl Friedrich Schinkel, ein preußischer Baumeister um 1825), „ Lust und Nutzen sollten stets beisammen sein, denn diese beiden Dinge sind genug, das Leben angenehm zu machen“ ( Johannes Sigismund Elsholtz 1684, ein Brandenburger Gärtner), nicht zu
    vergessen der Vitruv’sche Dreiklang von Zweckmäßigkeit, Standfestigkeit und Schönheit – drei Lebensmaximen zur Formgebung , die auch heute nicht an Überzeugungs- und Antriebskraft verloren haben.
    Mit bestem Gruß ein Diskussionsvorschlag für Trier zur Güte

  • Für all das, was Bernhard Schneider vorträgt, müßte man Macht, Apparat und Finanzen haben, die die UNO und die mächtigsten Staaten der Welt übertreffen. Ich kann dem inhaltlich ja nicht widersprechen, aber wir als Werkbund (ich bin Vorsitzender von NW) tun nicht wenig, wenn wir sehr in vielen Projekten mitarbeiten – konkret. Die Metropole Ruhr lebt erheblich von unseren konkreten Impulsen. Aber wir müssen – ohne defaitistisch einzuknicken – auch darüber nachdenken, was leistbar ist. Wir können nicht allen Übeln dieser Welt entgegentreten und möchten uns daher ungern dafür prügeln lassen, daß wir sie nicht alle beseitigen konnten.
    Roland Günter


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