Stellungnahme des Deutschen Werkbunds BW zu Stuttgart 21

Der Deutsche Werkbund fühlt sich mit der Stadt Stuttgart besonders verbunden und hat sich über die Jahre mit den vielschichtigen Fragen der Stadtentwicklung intensiv auseinandergesetzt. So auch mit dem Projekt „Stuttgart 21“. Trotz der inzwischen jahrelangen Planungsphase ist dieses Projekt im Bereich des „Halb-Tiefbahnhofs“ nach Auffassung des Deutschen Werkbundes noch immer mit vielen Risiken und ungeklärten Fragen behaftet. Eine Besserung ist nicht in Sicht, da das Projekt nicht genügend überdacht, zu schnell in die Ausführungsplanung getrieben und seither nur noch als Prestigeprojekt behandelt wurde.

Der neue Bahnhof mit durchgehend ca. 8 Meter Gebäudehöhe über heutigem Geländeniveau bildet einen städtebaulich massiven Riegel quer zum Tal und beeinträchtigt damit das empfindliche, heue schon hoch belastete Stadtklima, besonders aber den notwendigen Luftaustausch.

Die gewünschte „harmonische“ Stadterweiterung mit fußläufigem Anschluss an das bisherige Zentrum wird durch diesen Gebäuderiegel verhindert und die Grundstückspreise sind vergleichsweise hoch. Den meisten der beabsichtigten, belebenden Nutzungen und einem entsprechend attraktiven Ambiente im neuen Stadtquartier fehlen damit alle Grundvoraussetzungen zu bleibendem Erfolg.

Die einzige nachvollziehbare, bahntechnische Verbesserung gegenüber dem Kopfbahnhof ist die Verkürzung der Reisezeit für durchreisende Bahnbenutzer um wenige Minuten. Ein Vorteil, der Milliarden kostet und Stadt und Land keinerlei Vorteile bringt.

Stuttgart und seine Hänge sind bekannt als schwieriger Baugrund, der wegen vieler wasserführender und schiebender Schichten, nicht nur im Bereich der Quellhorizonte, höchst unberechenbar ist. Bei den bisher zu Stuttgart 21 veröffentlichten Kosten fehlt der Hinweis auf einen entsprechenden Risikozuschlag.

Der als unabdingbar dargestellte Zusammenhang des Projektteils „Tiefbahnhof“ mit der Strecke nach München ist de facto nicht gegeben. Die notwendige Maßnahme „Schnellstrecke München“ kann ohne den neuen Bahnhof verwirklicht werden.

Die Tieferlegung des Bahnhofs bietet weder städtebaulich noch bahntechnisch neue Chancen oder Verbesserungen für die räumlichen und funktionalen Aufgaben der Stadt und der Bahn.

Er schafft auch keine neuen oder wünschenswerten Bahnverbindungen, die heute nicht schon vorhanden sind oder mit dem Kopfbahnhof leicht geschaffen werden könnten (die vorhandene Magistrale Paris-Konstantinopel ging verloren, weil der Orient Express eingestellt wurde!).

Im Gegenteil, die Tieferlegung macht zukünftige Anpassungen und Verbesserungen nur extrem schwierig und besonders teuer.

Gestalterisch zerstört diese Planung eines der wichtigsten Identitätsmerkmale der Stadt Stuttgart, den denkmalgeschützten „Bonatz Bahnhof“ samt Stadtpark und bietet dafür nichts Gleichwertiges oder Besseres an. Ein derartiger Identitätsverlust droht andere und neue Probleme nach sich zu ziehen.

Wir empfehlen deshalb zur kurzfristigen Umsetzung:
1. Die Schnellbahnstrecke von Stuttgart nach München schnellstens zu bauen und auch die Strecke nach Singen (– Zürich –Mailand – Rom – Neapel) wieder durchgehend zweigleisig befahrbar zu machen (auf dieser Strecke muss der ICE heute den Gegenverkehr abwarten).

2. Die wünschenswerten städtischen Ziele nicht länger auf Grundlage der sehr eingeschränkten technischen Sichtweise, sondern zeitnah nach ganzheitlichen, interdisziplinär und menschenorientierten Gesichtspunkten zu bestimmen.

3. Über verbesserungswürdige Verkehrsverknüpfungen (Schiene – Schiene und Schiene – Individualverkehr) nachzudenken und diese vordringlich zu entwickeln. Der vom Flughafenchef zu Recht befürchtete Verkehrskollaps durch die Eröffnung der Neuen Messe und die Diskussion um zukünftige Fahrverbote in der Stadt sind warnende Beispiele für dringend notwendige, aber bisher versäumte, ganzheitliche und vorausschauende Verkehrskonzeptionen.

4. Erst nach Erledigung dieser gebotenen Vorarbeiten die angemessene Struktur und Architektur des Bahnhofs und seines städtischen Umfeldes zu bestimmen.

5. Zur Vermeidung der extrem hohen und nicht kalkulierbaren Risiken, speziell der finanziellen, den Tunnelbahnhof und die Tunnelstrecken nicht zu verwirklichen.

6. Für die notwendige Über-Denkzeit bis zur Definition wirklich tragfähiger und sinnvoller städtebaulicher Ziele für einen neuen Bahnhof und zur erfolgreichen Vermeidung unabwägbarer Risiken den heutigen Kopfbahnhof zu belassen und mit Augenmaß zu modernisieren.

Mit diesem Schreiben fordern wir die Projektbefürworter des Halb-Tiefbahnhofs und der weitgehenden Bebauung aller frei werdenden Flächen auf, ihre Meinung und ihre Aktionen im Sinne der von uns geführten Argumentation zu überprüfen, sich vom individuell oder politisch geprägten Prestige- und Durchsetzungsdenken zu verabschieden und ab sofort seriöse Projektdarstellung und Öffentlichkeitsarbeit, z.B. mit ungeschönten Modellen und Computeranimationen zu betreiben.

Die Bürger werden ein Projekt dieser Dimension erst dann akzeptieren, wenn es offen und ehrlich behandelt wird und Bürgerwünsche respektiert. Dazu gehören öffentliche Veranstaltungen, die offene und verständlich geführte Diskussion der Ziele und Absichten und die ungeschönte Offenlegung aller Pläne, Kosten und Risiken.

Den Oberbürgermeister der Stadt Stuttgart wollen wir an dieser Stelle an sein Wahlversprechen aus 2005 erinnern, dass er im Falle einer Kostenüberschreitung für Stuttgart 21 einen Bürgerentscheid durchführen werde.

Karlsruhe – Stuttgart

19.12.2006

Der Vorstand des Deutschen Werkbunds Baden-Württemberg

23.08.2010 von: dwbadmin
Erstellt unter dwb baden-württemberg
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