leben//gestalten – ein spannender Deutscher Werkbundtag

Unter dem Titel „leben // gestalten“ fand vom 16. bis 18. September 2011 der Werkbundtag 2011 auf dem Campus Westend der Goethe-Universität Frankfurt am Main statt.

In einem interdisziplinär besetzten Kongress ging der Deutsche Werkbund grundsätzlichen Fragestellungen nach, die die kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen am Beginn dieses Jahrhunderts erforderlich gemacht haben.

Dieser Ansatz entspricht der in der Satzung formulierten Aufgabe, des verantwortungsvollen Gestaltens einer humanen Umwelt und der interdisziplinären Zusammensetzung des Werkbundes, der aus Architekten, Stadt- und Landschaftsplanern, Gestaltern, Künstlern, Geistes- und Naturwissenschaftlern, Publizisten und Unternehmern besteht.

Die beiden Eröffnungsvorträge von Frederic Schwartz (London) und Ludger Heidbrink (Essen) bewegten sich im Horizont der „Moderne“, deren zentrale Ideologie der des Fortschritt ist. Dieser scheint Selbstzweck geworden zu sein und ist in seiner beschleunigten Dynamik und den Auswirkungen, die diese auf Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft genommen hat, fragwürdig geworden. Die Dynamik, der wir uns überlassen, gibt kaum mehr den Raum, sich über Ziele und Erwartungen zu verständigen.

Im Ideal der Stadt muss sich das Versprechen der Aufklärung, das nach Alexander Mitscherlich darin besteht, „dem Individuum Spielraum zu geben“, bewähren.

Stadt“ ist hier in ihrer eigentlichen Bedeutung als Kulturraum, als Heimat, als Schmelztiegel und als sozialen Spielraum zu verstehen.

Die Aufgabe derjenigen, die sich für das Gemeinwohl verantwortlich einbringen wollen, ist es, die Herausforderungen, die im Rahmen von sozialer und kultureller Ausgrenzung auftreten, als Herausforderungen eines demokratischen Gemeinwesens anzunehmen. Allerdings wird an dieser Stelle deutlich, dass die strukturellen Entlastungen, die die politischen Institutionen bieten, zunehmend weniger als entlastend als entmündigend erfahren werden. Die Metapher des Spiel-Raums findet nur dann Akzeptanz, wenn sich eine aufgeklärte Gesellschaft die Spielregeln selber geben kann.

Das genau macht die zähe „Erfolgsgeschichte“ der Aufklärung aus: dass sie nur insofern Versprechen ist, als man das Versprechen, das sie bereithält, selber einlösen muss.

Aber welche Bestimmungen gibt sich dieses „man“? Als Versuch einer Wesensbestimmung des Menschen ist diese Frage philosophisch genauso virulent wie problematisch. Denn es gilt, eine Alternative zu jenem verhängnisvoll wirkungsmächtigen „Modell“ Mensch zu entwerfen, der die Welt aus einer quasi „solipsistischen“ und verdinglichenden Perspektive in den Blick und in seine Gewalt nimmt.

Welche Bestimmungen muss dieser „alternative“ Typus Mensch“ mit Aussicht auf Erfolg erfüllen, um jenes gegen die Aufklärungsidee verstoßende Erfolgsmodell, abzulösen? Die Idee der Aufklärung muss – solange sie nicht als evolutionärer Irrtum der Spezies Mensch widerlegt ist – als Herausforderung und Aufgabe begriffen und ergriffen werden. Für die Politik heißt das, dass sie wieder und verstärkt zum Instrument der Bürger werden muss, mit dessen Hilfe sie Werte formulieren und Ziele definieren kann. Erst dann können an die Stelle einer Politik, die ihre gesellschaftliche Bindungskraft verloren hat, alternativ Engagementpolitik und Kulturgesellschaft treten. Es geht um ein „inklusives“ Politikverständnis, das Selbstermächtigung und Partizipation und damit die Möglichkeit aufschließt, alle Bürger in einen prinzipiell offenen Dialog als Kooperationspartner treten zu lassen. Dieser Forderung widerspricht eine Wirklichkeit, die zu einer massiven Schwächung des politischen Gemeinwesen geführt hat.

Die Ursache findet sich in einem Phänomen, das unter der Bezeichnung der „Ökonomisierung“ mittlerweile alle Lebensbereiche durchdrungen hat. Die Nutzenmaximierung und der Ausschluss aller mark-irrelevaten Kriterien werden zur Handlungsmaxime und zum moralisch verbindlichen Prinzip aller Handlungs- und Lebensbereiche. Werte jenseits der Verwertbarkeit sind in der Logik des Marktes nicht vorgesehen. Es gilt, das Verhältnis von Markt und Gemeinwesen zu berichtigen, d. h. den Markt dem Gemeinwohl wieder zu unterstellen.

Unsere „Beziehungen“ zu Dingen und Menschen werden wesentlich durch ein konsumistisches Verhältnis bestimmt. Uns ist selbstverständlich geworden, Konsum als Ver-brauch zu verstehen. Erst wenn dem Markt sein Platz wieder zugewiesen wird, also zu Bewusstsein kommt, dass er Mittel und nicht (Selbst-) Zweck ist, kann die Gestaltung und Produktion von Dingen – verstanden als eine von Werten – wieder in den Blick genommen werden.

Im Gegenstand – seien es Tassen oder Häuser – darf sich nicht nur funktionale Qualität abbilden. An die Seite ästhetischer und funktionaler Formbestimmungen müssen Kriterien der Material-, Energie- und Ressourceneffizienz treten sowie solche, die auf den Herstellungsprozess rekurrieren.

Der Verletzung des Moralprinzips korrespondiert eine gegenüber der Umwelt. Die Menschheit ist drauf und dran, sich ihrer biologischen Lebensgrundlagen zu berauben. Der Titel des vierten Blocks „Ein Leben nach dem falschen“ suggeriert, dass es, wenn nicht ein richtiges, so doch wenigstens ein richtigeres Leben nach dem falschen geben könne?

Angesichts der massiven Umweltkatastrophen stellt sich aus der ökologischen Perspektive allerdings die Frage, ob es überhaupt ein Leben nach dem falschen geben kann? Die Beantwortung dieser Frage könnte sogar eine des Markes, der instrumentellen Vernunft des Marktes, sein, deren Protagonisten gesteigertes Interesse an der Erhaltung ihrer eigenen Voraussetzungen haben müssten. An dieser Stelle kämen die technischen Instrumente eines energieeffizienten und Ressourcen schonenden Handelns, Umweltsteuern, Emissionshandel o.ä. zum Tragen. Das allein kann aber nicht ausreichen.

Die späte Einsicht des aufgeklärten Menschen, wird darin liegen müssen, dass er, Mensch unter Menschen und Teil eines Systems „Welt“ ist, das weder von außen betrachtet werden kann, noch darf. Diese Einsicht, die eine gewisse Zurückhaltung und Bescheidenheit fordert, hat auf der Ebene der Waren, Güter und Ressourcen seine Entsprechung im Begriff der Suffizienz gefunden. Dabei ist Suffizienz nicht als Entbehrung zu verstehen. Es ist vielmehr eine Besinnung auf Werte jenseits der Verwertbarkeit, die zu formulieren und weiterzugeben wir aufgerufen sind.

Das alles hört sich nach Paradigmenwechsel an. Und tatsächlich geben die Positionen der eingeladenen Referenten wenig Anlass, zu glauben oder sich damit zu beruhigen, dass die Fehlentwicklungen der letzten Jahrzehnte durch Reparaturmaßnahmen zu beheben seien. Unverständlich bleibt, wie geradezu ohnmächtig wir diese Entwicklungen beobachten; wie wir Zuschauer bleiben vor einem Geschehen, das uns als Betroffene angeht. Dabei sind wir es, die die Normen setzen, die unser Zusammenleben organisieren.

 

Ulf Kilian, Vorsitzender des Deutschen Werkbundes

 

Ermöglicht wurde der Werkbundtag 2011 durch die Förderung der Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main

22.09.2011 von: dwbadmin
Erstellt unter dwb hessen
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