Friedrich Kittler 12. 6.1943 – 18. 10. 2011

Im Dezember 1989, die Mauer war erst vor kurzem gefallen und das mediale Ereignis des Todes von Nicolae Ceaucescu und dessen Frau stand noch bevor, in einer Zeit also, als zwar die Computer, aber noch nicht deren Vernetzung den Alltag erreicht hatten, veranstaltete der Deutsche Werkbund ein von Regine Halter geleitetes Seminar zu „Information, Design, Gesellschaft und Europa“. Einer der Referenten war Friedrich Kittler, der in den Jahren zuvor mit Veröffentlichungen wie „Aufschreibesysteme 1800–1900“ oder „Grammophon Film Typewriter“ Mediengeschichte von der Soziologie hin zur Philosophie überführt hatte. Kittler sprach, für einige der Teilnehmer höchst irritierend, nicht über ergonomisch geformte Tastaturen etwa, wie sie seit der von Friedrich Nietzsche verwendeten, berühmten Schreibkugel entwickelt waren, sondern über die fernsehunterstützte Ziellenkung von Raketen im zweiten Weltkrieg, also über „böse Gestaltung“. So brachte er, wie sein Vorredner Grant Johnson, den Krieg und die Medien zusammen und wies auf die Verlagerung von der materiellen in die informelle Welt hin, auf die Risiken, die mit dem Medieneinsatz einhergingen. Vor allem aber wertete Kittler nicht wie seinerzeit Neil Postman, sondern er konstatierte, darin den Positionen Marshall McLuhans oder auch Vilém Flussers durchaus verwandt. Kittler konfrontierte die Teilnehmer mit einem Denken, das assoziativ schien, aber auf gründliche Kenntnis der Technik und der Philosophie aufbaute. Die Verknüpfungen des passionierten Radiobastlers führten zu Gedanken-Schaltkreisen, dem Erkennen verborgener Verbindungen. Das verband ihn mit seinen Verlegern Erich Brinkmann und Günter Bose, die wie er in Freiburg studiert hatten, wo die französischen Strukturalisten und ihre Nachfolger ebenso frühzeitig rezipiert wurden wie Martin Heidegger Sprachdenkräume. Inhalte, die etwa in Frankfurt nach 1968 noch lange suspekt schienen. Dabei war Kittler ebenso präzise wie luzid. So erinnern sich die Verfasser mit Vergnügen daran, wie sie Kittler für eine Veranstaltung zum Thema Bild- und Textzeichen bei Firmen, also Logos gewinnen wollten und von Kittler die freundliche Abfuhr erhielten, ihm sei „Logos“ im Singular doch näher als „Logos“ im Plural.

Seit 1993 hatte der 1943 geborene Kittler den Lehrstuhl für Ästhetik und Geschichte der Medien an der Humboldt-Universität in Berlin inne, zu seinen Schülern zählt etwa Ulf Poschardt. Der Leiter der Karlsruher ZKM, Peter Weibel hat in einem Nachruf betont, Kittler sei der eigentliche Begründer gegenwärtiger Medientheorie. Seine Wirksamkeit zeigte sich nicht in hohen Auflagen, sondern in intensiver Lektüre, oder, um es mit einem Bild des russischen Sprachtheoretikers Juri Tynjanow zu formulieren, Kittler war kein Schreiber und Denker für bloße Leser, sondern für aktivierende Autoren. Die Langzeitwirkung seines Denkens, dass hoffentlich noch viele Menschen fortführen werden, zeigt sich auch aktuell, wenn man etwa die seit Wochen andauernden immer ähnlichen Nachrichten über die Finanzkrise mit den zwei letzten Sätzen des gemeinsam mit Cornelia Vismann verfassten Merve-Bändchens „Vom Griechenland“ in Beziehung setzt. Denn diese lautet: „Anstelle von Phänomenen, die es gar nicht gibt, treten Zahlen, die sich ergeben. Im Flimmern von Schall und Licht gibt es Griechenland.“

Jörg Stürzebecher, Ursula Wenzel DWB

21.10.2011 von: dwbadmin
Erstellt unter dwb hessen
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